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Große Welt im Kleinen

07.08.2018 CJD Sachsen-Anhalt « zur Übersicht

Volkstimme Schönebeck - Lokal - 26.07.2018

VON Dan Tebel

VS/Schönebeck

Schönebeck l „Puh! Da kann ich dir auch nicht helfen“, höre ich von weitem aus einem Büro des Christlichen Jugenddorfes (CJD) in Schönebeck. Ich nähere mich der halboffenen Tür. Michael Mai vom Begleitenden Dienst steht konzentriert vor dem Arbeitsplatz einer Kollegin. Der Computer streikt und eine Lösung muss her. Kein weltbewegendes Problem, aber auch diesem muss sich angenommen werden – und auch die Arbeit am Computer gehört irgendwie zum Tätigkeitsbereich des 42-Jährigen aus Schönebeck. Freundlich begrüßt er mich kurz. „In ein paar Minuten bin ich da“.

Es bleibt also noch ein wenig Zeit, um sich Gedanken darüber zu machen, was mich an diesem Tag erwartet. Was macht ein Sozialpädagoge im begleitenden Dienst eigentlich? So viel weiß ich schon: Zunächst verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung die Sozialarbeit, wie sie es in unterschiedlichen Einrichtungen gibt. Menschen, die das „Wir“ stärken und für die Sorgen anderer da sind. Menschen, die Probleme anderer lösen, sie in schwierigen Lebenslagen begleiten und immer ein offenes Ohr haben. Menschen für Menschen eben.

Fit für Arbeitsmarkt

Michael Mai ist einer von zwei Mitarbeitern, die diesen Job beim CJD – einer Einrichtung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen mit Handicap in die Gesellschaft einzugliedern– übernommen haben. Und das seit 16 Jahren. Die ganze Einrichtung ist sein Arbeitsplatz, aber natürlich hat er auch ein eigenes Büro. Ich begleite ihn dahin.

Es ist übersät mit Aktenordnern, Unterlagen und Blättern. Das spiegelt sich auch in unserem Gespräch wider – der praktische Anteil seiner Arbeit ist eine Sache, aber auch viel Büroarbeit gehört dazu. Stattdessen ist das Wort „begleiten“ sehr ernst zu nehmen – der Sozialpädagoge und seine Kollegin kümmern sich einfach um alles. Von der Aufnahme neuer Beschäftigter, bis hin zu den ersten Gesprächen mit ihnen. Von der Planung und Durchführung von Aktionstagen bis hin zum Problemlöser bei Behörden-Angelegenheiten. Von der Leitung einer Tischtennis-AG bis zum Kochkurs – hier kann wirklich von Vielseitigkeit die Rede sein.

Offenes Ohr

Was die Aufgaben eint, ist die Arbeit mit den Menschen. Der sozialbegleitende Dienst sei der erste Kontaktpunkt für die Teilnehmer beim CJD, erzählt mir Michael Mai während er an der Kaffeetasse nippt. Insgesamt sind in der Einrichtung rund 250 sogenannte „Maßnahmeteilnehmer“ und Mitarbeiter tätig. Die zwei Sozialpädagogen sind also jeweils für rund 120 Menschen zuständig. Ein offenes Ohr und das entsprechende Einfühlungsvermögen für so viele Individuen zu haben, ist eine der wichtigsten und gleichzeitig schwierigsten Aufgaben von Michael Mai. „Uns ist es immer daran gelegen, den Frieden im Haus zu gewährleisten und für ein gutes Betriebsklima zu sorgen“, erklärt mit der 42-Jährige und gießt sich mehr Kaffee ein. Mir fällt seine ruhige, besonne Art auf.

Konfliktpotenzial gäbe es hier immer wieder aus verschiedensten Gründen. „Jeden Tag habe ich hier Menschen im Büro, die mit mir über persönliches oder berufliches etwas sprechen wollen“, berichtet er. Auf die kleinen Sorgen und Nöte zu reagieren, sei seine Aufgabe. Die haben sicherlich die Schüler an einer Schule genauso, aber was macht das Arbeiten mit Menschen mit

Jugendliche Atmosphäre

Handicap aus, möchte ich von ihm wissen. Prinzipiell sei die Prämisse eines Sozialpädagogen die Arbeit mit den Menschen – egal an welchem Ort. „In unserer Werkstatt herrscht sogar eine jugendliche Atmosphäre“, beschreibt der Sozialpädagoge.

Gemeint sind damit explizit die Maßnahmeteilnehmer. Viele kleine Dinge würden hier schnell zum Problem. Und trotzdem gebe es viele interessante Lebensgeschichten und Biographien. Manchmal müsse er für diese Menschen auch Entscheidungen treffen, das gehöre genauso dazu. „Die Menschen hier relativieren die Ansprüche, die man an das eigene, private Leben stellt,“ erklärt er mir. Plötzlich rücken eigene Sorgen eher in den Hintergrund. Die Teilnehmer seien sehr direkt und emotional, besonders ehrlich, aber auch warmherzig. „Wenn sie dich drücken wollen, dann machen sie das einfach“, erläutert mir Michael Mai ein einfaches Beispiel.

Oftmals gehe die Arbeit für ihn auch in das persönliche Umfeld herein, weil die Teilnehmer die Maßnahme teilweise nicht als Arbeit sondern zweites Zuhause sehen. Michael Mai spricht im Hinblick auf das CJD von „einer großen Welt im Kleinen“.

Lob für Arbeit

Eine Kernaufgabe in seinem Job ist der tägliche Gang durch die Werkstätten. Denn Sozialarbeit ist grundlegend mit Kommunikation verbunden – man könnte schon fast sagen „sehen und gesehen werden“. Ich begleite ihn auf seinem Rundgang und stoße dabei auf so manche Beschreibungen, die er zuvor gemacht hat. Michael Mai betritt jeden Raum mit einem Lächeln auf den Lippen und einer freundlichen Begrüßung – die auch prompt erwidert wird. Ich möchte wissen, was die Rundgänge bezwecken: „Wir schaffen damit Vertrauen und Gewohnheit – und dadurch letztendlich auch Sicherheit. Das ist wichtig und gehört dazu“, so Michael Mai. Die Arbeit habe auch schon etwas mit Psychologie zu tun, erklärt er mir im Gang zwischen den Werkstatträumen. Deswegen hätten einige Sozialarbeiter zum Beispiel auch einen psychologischen Hintergrund.

In den einzelnen Werkstatträumen (von der Tischlerei bis zur Küche) arbeiten die Teilnehmer derweil an verschiedenen Aufgaben. In einem Raum treffen wir auf Juri, der Kartons abzählt und in eine größere Verpackung schichtet. Ich bin erstaunt, denn er weiß genau, wie viele Hunderte Kartons er darin verpackt hat. Michael Mai lobt ihn für seine Arbeit. Ich meine zu Juri, wenn ich so gut zählen könnte wie er, würde ich wohl nicht der schreibenden Zunft angehören – wir lachen. Auch wenn die direkte Arbeit mit den Betroffenen in der Werkstatt nicht unbedingt in das Aufgabenfeld des Sozialpädagogen fällt – dafür sind die jeweiligen Werkstattleiter (zum Anleiten und Begleiten bei der Arbeit) zuständig – findet sich auch hier das Wirken von Michael Mai und seiner Kollegin wieder. An Pinnwänden sind Bilder der Teilnehmer bei Festen zu sehen. Das Dokumentieren und Verarbeiten diverser Veranstaltungen ist auch seine Aufgabe.

Stolz auf Projekt

Im Außenbereich der Anlage zeigt mir der 42-Jährige Pavillons, die nicht zuletzt auch durch seine Mitarbeit entstanden sind. Erneut das Ergebnis guter Kommunikation – sechs Mitglieder, die im sogenannten Werkstattrat tätig sind, treffen sich hier einmal monatlich unter anderen mit den Kollegen vom begleitenden Dienst. Die Werkstattleiter tragen die Gedanken und Anregungen der Teilnehmer heran, viele Ideen und Konzepte sind daraus für die Einrichtung entstanden – darunter weitere Pavillons, Sitzmöglichkeiten im Foyer der Einrichtung, ein Sinnesgarten mit Pflanzen (hier werden auch Früchte und Gemüse für den Kochkurs angebaut), ein eigener Kaffeautomat, auf den alle sehr stolz sind und bei dem es wohl zum halben Aufstand unter den Teilnehmern komme, wenn der Kakao alle ist, erklärt Michael Mai schmunzelnd.

Wichtig ist aber auch eine große Erinnerungstafel. Ein Projekt auf das der Sozialpädagoge merklich stolz ist. Nicht zuletzt ist auch das Produkt seiner Arbeit, das dort zu sehen ist. Mitarbeiter und Teilnehmer haben dort gleichermaßen ihre Erfahrungen und Eindrücke, die sie mit dem CJD verbinden, mitgeteilt. „Mit der Resonanz hatte ich auch nicht gerechnet“, erklärt der Sozialpädagoge. Im Foyer angekommen zeigt sich auch die kreative Arbeit den Sozialpädagogen: die Projekttage sind sichtbar auf Plakaten und in Schaukästen aufbereitete von jedem zu sehen.

Zugang zu Menschen

Wir sind mittlerweile einmal durch die Werkstätten gelaufen. Der Tag von Michael Mai hat bereits um 7 Uhr begonnen, erstmal eine Kaffee-Pause an der frischen Luft – mit Brainstorming. Ein Geschenk für einen Teilnehmer wird gesucht. Michael Mai hat schnell eine Lösung. Mich interessiert, ob er nicht lieber noch mehr mit den Menschen zusammenarbeiten und den „Papierkram“ hinter sich lassen möchte. „Natürlich würde ich am liebsten immer sozialpädagogische Arbeiten und die Teilnehmer anleiten. Die Erfolge sind prinzipiell größer. Aber es ist eben ein generelles Problem, auch in der Pflege oder bei Ärzten: Zu viel muss protokolliert werden“, erklärt Michael Mai.

Den unmittelbaren Zugang zu den Menschen hat der 42-Jährige trotzdem und das macht ihn glücklich. Es seien auch die vielen Kleinigkeiten, die sich zum Großen zusammenziehen. „Die Menschen bedanken sich für tolle Aktionstage und für die Hilfe bei Behördengängen. Und eben auch für das stets offene Ohr. Bei unserem Zirkusprojekt waren sie alle mit so viel Enthusiasmus dabei – das ist toll!“ Und: „Das ist vielen, die in diese Richtung gehen wollen gar nicht bewusst, wie viel Mehrarbeit neben der sozialen Komponente mit der Arbeit verbunden sind.“ Während Michael Mai sich noch einen Kaffee eingießt, mache ich mich aus dem Staub – mit schönen Eindrücken.